Das Sport Magazin berichtet aktuell über unser einmaliges Schulprojekt

Autor
ninemiljko
Klasse

Körbe verbinden 

Spaß und Idealismus gelten bei Basket2000 Vienna seit jeher als zentrale Dogmen. Der zur Millenniumswende von ehemaligen Pro s aus den jugoslawischen Nachfolge­ staaten gegründete Verein stellt von der 2. Bundesliga über beide Landesliga­Divisionen bis hin zu den untersten Nach­ wuchskategorien 14 Teams. Durch Hallmann Vienna ist man sogar in der höchsten Spiel­ klasse vertreten, füttert Bas­ ket2000 doch den Bundesliga­ Kooperationsverein mit eige­ nen Talenten. Weil die Leopoldstädter vorwiegend Kinder mit Migrationshintergrund anlocken, überlegten Klub­ präsident Zeljko Racic, Sportchef Nino Miljkovic und Coach Slobodan Pavicevic, wie sie den Sport als Türöffner zur ge­sellschaftlichen Integration nützen können. „Die wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene Integration sind neben einer soliden Ausbildung das Erlernen der Sprache und das Verständnis für die kulturellen Werte des Landes, in dem ich lebe“, weiß der gebürtige Serbe Pavicevic aus eigener Erfah­rung. Aus der Idee entstand vor sechs Jahren das Programm
„Bleib am Ball“, ein vom Sportministerium gestütztes Vorzei­geprojekt mit elf Wiener Volksschulen, das als Einstiegshilfe dienen soll, ohne die viele Migranten den Schritt in den Sport wohl nicht schaffen würden. 

Das Integrationsprojekt „Bleib am Ball“ baut durch Basketball Brücken zwischen Kulturen. Die Methode scheint auch für die Talent- förderung im Spitzensport nachahmenswert zu sein. 

Vor allem Kinder aus traditionellen „Gastarbeiter­-nationen“ würden oft in ihrem ursprünglichen sozialen Um­feld bleiben, mit De ziten in der deutschen Sprache einge schult werden und sich deshalb minderwertig fühlen. „Bur­schen, die in einer Patriarchalgesellschaft aufwachsen, weh­ren sich zum Teil dagegen, wollen dominant auftreten und drehen diese Gefühle in Gewalt“, erklärt der 45­Jährige, der einst im Korac­Cup für Vojvodina Novi Sad auf Korbjagd ging und seine Pro karriere bei den Kapfenberg Bulls ausklingen ließ. Ahmen die Österreicher in der Klasse das aggressive Verhalten nach, könne sich eine Negativspirale entwickeln, wie Pavicevic meint, „Bleib am Ball“ versucht möglichst früh entgegenzusteuern: „Beim Basketball fühlen sich die Aus­ länder nicht von vornherein unterlegen. Sie spielen oft besser, weil sie schon vorher Kontakt mit dem Sport hatten. Und gleichzeitig werden ihnen Werte und Sprache vermittelt.“

Dass sich Wien durch Zuwanderung im letzten Jahr­ zehnt massiv verändert hat, spüren auch die Projektmacher. Mittlerweile ist jeder zweite in der Stadt Lebende selbst im Ausland geboren, hat häufig keine österreichische Staats­ bürgerschaft oder zumindest einen Elternteil, der im Ausland geboren wurde, ein beträchtlicher Teil der Wiener Schüler pflegt Deutsch nicht als Umgangssprache. Die größte Heraus­ forderung sei gar nicht, die noch sehr jungen Kinder aus schier inkompatiblen Kulturkreisen zu einer Einheit zu for­men, sondern große Gruppen aus einem einzigen Land zu integrieren. Einerseits müsse man von ihnen miteinander Deutsch zu sprechen, zum anderen werden Freunde einfordern, bei Paarübungen getrennt. „Da gehen wir mit viel Finger­spitzengefühl vor.“ Je früher man anfange, desto besser seien die Erfolgsaussichten. „In einem Teamsport musst du dir gemeinsame Ziele setzen. Ob Schule, Uni oder Arbeit, dein ganzes Leben lang bleibst du in einem Kollektiv. Die Kinder müssen lernen, zusammenzuarbeiten, und nicht, sich zu gruppieren.“ Inzwischen nehmen 350 Schüler am Projekt teil, doch längst nden sich ihre Wurzeln nicht nur in Österreich, dem Balkan oder der Türkei. „In meiner Gruppe der 6­ bis 7­Jährigen habe ich 26 Kinder aus 16 verschiedenen Natio­nen. So setzt sich auch das Relief der Schulen, ja der heutigen Gesellschaft zusammen.“

Bei „Bleib am Ball“ gibt es keine Geschlechtertrennung, Mädchen spielen mit Buben in einer Mannschaft. 
350 Kinder aus elf Volksschulen sammeln sich bei den Turnieren, etwa 20 Prozent davon melden sich zu den Sommercamps an. 

Für das Projekt sei die Sportart keineswegs entschei­ dend, wie man betont. „Basketball ist nur ein Weg und liegt bei unserem Hintergrund auf der Hand. Wir bringen den Kin­dern Motorik, Koordination, Bewegung bei, dass sie mit zehn noch immer entscheiden können, ob sie nicht doch lieber Handball oder Fußball spielen.“ Bedingung sei lediglich ein Teamsport, um den integrativen Faktor zu verstärken, Span­nung, um die Kinder bei Laune zu halten, ein Hallensport, um das Projekt ganzjährig umsetzen zu können, und der Standort Schule, damit Eltern ihre Kinder nach dem Unter­richt nirgendwo hinführen müssen, sondern sie eine Ganz­ tagsbetreuung erhalten und am Abend bequem abgeholt wer­ den können. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 170 Euro, im Preis inbegriffen sind Trikot, Shorts, Ball, T­Shirt und Sweater. „Sozial schwächere Familien unterstützen wir aber gezielt“, ergänzt Projektleiter Miljkovic. „Niemand muss aus finan­ziellen Gründen zuschauen. Wir bekommen auch Anrufe von Organisationen zur Flüchtlingsbetreuung, diese Kinder neh­men wir natürlich gern auf.“ Trotz des großen Erfolgs will man der Bitte des Sportministeriums, das Programm auf 16 Volksschulen auszuweiten, aber nicht nachkommen. „Das Personal wäre vorhanden, wir verfügen jedoch nicht über genügend Trainer mit der von uns geforderten Qualität“, so FIBA­ Lizenzhalter Miljkovic, der die Trainer selbst ausbildet und sie zur zusätzlichen Stimulation über dem Marktpreis entlohnt. Empfinden Top­-Coaches hierzulande die Arbeit mit dem Nachwuchs oft als Degradierung, werden bei „Bleib am Ball“ die besten Übungsleiter bewusst bei den Jüngsten ein­ gesetzt: „Da passiert die Basisarbeit, da kannst du am meis­ ten beein ussen.“ Aber nicht allein der sportlichen Schulung wegen, sondern zur Vermittlung der richtigen Werte. So wird etwa in einer neuen Gruppe das Kind mit dem feurigsten Temperament zum Kapitän ernannt. „Zu sagen, es soll ruhig sein, hilft nix“, sagt Pavicevic. „Deswegen bekommt er oder sie die Aufgabe, die anderen ruhigzustellen, und wächst mit der Verantwortung. Das klappt immer.“

Niemand muss aus nanziellen Gründen zuschauen!

Ein ganz anderes Pro­blem stellt die fehlende Infrastruktur dar, um das Programm überhaupt abwickeln zu können. So gibt es in einer der am Projekt beteiligten Schulen für 22 Klassen gerade einmal einen Turnsaal, selbst ein pompöser Zubau im vergangenen Som­mer erhöhte diese Zahl nicht. Die sportliche Entwicklung steht übrigens nicht im Fokus, bei den halbjähr­lich ausgetragenen Turnieren wird auch kein finales Ranking präsentiert, dennoch lebt man den Wettkampfgeist vor, als Motivation sich ständig verbessern zu wollen, ohne eine Hi­erarchie entstehen zu lassen. Jedes Kind hat unabhängig vom Niveau genau fünf Minuten Einsatzzeit, so wird bei 30 Kin­dern pro Team die Gesamtspieldauer kurzerhand auf sechs Viertel erweitert. „Wir wollen alle einfangen, sonst würden sich sportlich Schwächere nicht wohlfühlen. Die Talentierten zu vernachlässigen wäre aber genauso schlecht.“ Begabte Spieler werden daher im Verein zusammengezogen. „In der Schulmannschaft spielen sie fünf Minuten, im Klub herrscht Leistungsgedanke. Es gibt Kinder, die diese Herausforderung suchen, und andere, die einfach nur Spaß haben wollen.“ Racic, Miljkovic und Pavicevic sehen im mit Basket2000 ge­koppelten Schulprojekt auch ein Modell für Profivereine, wie man mit Freude am Spiel aus der breiten Masse Talente Filtert. In den Nachwuchsteams stehen etliche Spieler aus dem Pro­jekt, die U12 stellt fast ausnahmslos ehemalige Akteure aus den Partnerschulen, zuletzt verzeichnete der Klub bemer­kenswerte Transfers zweier Jugendlicher zu internationalen Top­-Adressen in Bamberg und Belgrad. Pavicevic: „Wir haben im Verein für jedes Level eigene Mannschaften. Jeder kann dort spielen, wo er sich wohlfühlt.“ Auch die Initiatoren ler­nen ständig dazu und adaptieren das Programm, um Breite und Qualität in Einklang zu bringen, wie sie selbst einräu­ men: „Wir wollen diese zwei Säulen gar nicht trennen, son­ dern miteinander verbinden. In der Schule steht Zusammen­ arbeit im Vordergrund, im Verein der Wettbewerb – und über­ all der Teamspirit.“ 

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